Das Jahr des Affen

David
Geschrieben von David

Die Erde bebt, das Chinesische Neujahrsfest und das Sprouts! Art Festival in Puli
In der folgenden Nacht wurden wir durch ein bei uns zum Glück nur leicht spürbares Erdbeben geweckt. Sabine und die Kinder haben es kaum mitbekommen, doch ich bin zumindest aufgeschreckt, habe mich über das vibrierende Haus gewundert und mir war am nächsten Morgen richtig schwindlig. Erst später haben wir erfahren, dass es ein Erdbeben im Süden der Insel gab, wo wir noch vergangene Woche zu Mittag gegessen hatten und wo in der Nacht ein ganzes Hochhaus zusammengestürzt ist. Leider gab es etliche Verschüttete und viele Todesfälle. Für viele Taiwaner fingen so die wichtigsten chinesischen Feiertage sehr schmerzvoll an.

In den folgenden Tagen haben wir oft geprobt, was für die Community, wie wir später erst erfahren haben, wohl etwas besonderes ist und unser kleines Stück einstudiert. Salong hat eine eigene Musik komponiert, es wurden weitere Stelzenhosen genäht und zahlreiche Pappobjekte gebaut. Das nahende Chinesische Neujahrsfest gab und dann den Anlass, unser Stück vor einigen Freunden und den Kommunenmitgliedern zu präsentieren. Zusammen mit einigen Nummern von Adam, gemeinsamen Tanzeinlagen und anderen neuen kleinen Shows entstand wieder ein ganzes abendfüllendes Programm.


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Nelio entschied sich, nicht weiter an unserem Stück mitzuarbeiten und war stattdessen an einer echten Aborigines Nummer beteiligt, in der er mit Pfeil und Bogen gegen eindringenden Baumfäller kämpfte. Liam war als wildes Tier wieder auf Stelzen unterwegs, Sabine und ich bildeten als Bodenfiguren erst Stadtmenschen ab und waren später Wurzeln und Stamm des großen Baumes. Wir waren etwas unsicher und sehr gespannt, wie das Stück ankommen und verstanden werden wird. Am Ende waren jedenfalls alle sehr konzentriert bei der Sache und unser Auftritt war ein Erfolg. Nelio und Liam sind anschließend noch alleine aufgetreten und haben alle drei Strophen unseres Gohlitzsee Lagerfeuerliedes „Heute hier, morgen da“ von Hannes Wader mit chinesischer Gitarrenbegleitung gesungen!

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Das Chinesische Neujahrsfest wird anders als bei uns Sylvester und Neujahr über mehrere Tage und hauptsächlich mit der Familie gefeiert. So bildete bereits am Vorabend ein ausgedehntes Dinner den Auftakt, zu dem jede Familie ein besonderes Gericht zubereitete. Wir entschieden uns für schwäbische Maultaschen, die wir zugegebener Weise auch in Deutschland noch nie bzw. Sabine erst einmal selbst gemacht hatten. So waren wir bereits Tage zuvor damit beschäftigt, erst mal alle wichtigen Zutaten zusammen zu bekommen, was wieder einmal lustige google Recherchen und Übersetzungen mit sich führte. Aus der bestellten Petersilie wurde am Ende Koriander, statt altem Brot haben wir tiefgefrorenes Toastbrot bekommen und für die Fleischbrühe haben wir schließlich selbst die Knochen ausgekocht. Jedenfalls waren wir gut eingespannt, haben alle vier gemeinsam gerödelt und 40 riesige Maultaschen gefüllt und geformt. Sie sind zu unserem eigenen Erstaunen auch echt lecker geworden und haben nun auch im fernen Taiwan Fans bekommen! Hier heißen sie jetzt „Giant German Dumplings“.


  
Außerdem gab es noch leckere Shrimps, Muscheln, Tofusalat, frittierte Reisriegel, unterschiedliche gefüllte Teigtaschen, amerikanische Gemüseburger und viel gebratenes Grünzeug. Wir haben alle viel probiert, reichlich geschlemmt und lange nicht alles geschafft und hatten zwei sehr lustige Filmabende mit allen. Am nächsten Morgen wurden alle Kinder, auch die unsrigen, von den Ältesten der Community (teilweise über 80, die Älteste sogar 93 Jahre alt!) mit roten Briefumschlägen, in denen sich rote Geldscheine befanden, reichlich beschenkt.
In der Community war es relativ ruhig, da viele die Ferien nutzten um ihre Familien zu besuchen. Unsere „Ausländer“ Gruppe dagegen wuchs und wurde durch Yuchen, Linglings Mutter, ihren Freund TJ, Jonah und Cici, die wir in Taipei kennengelernt hatten, verstärkt.


  

Am dritten Tag des Neujahrsfestes wollten wir mit einem Teil der Community zu einem Land Art Festival nach Puli fahren, was gut anderthalb Stunden entfernt liegt. Adam hatte davon gehört und sich mit unserem Family Circus beworben. Nach längerem Hin und Her hatte er ausgehandelt, dass wir für drei Tage Kost und Logie dort einen Workshop geben und anschließend eine kleine Show zeigen würden. Da es für eine große Gruppe nicht bzw. nur sehr schwer möglich gewesen wäre, über mehrere Tage dort zu campen, beschlossen wir, dass zunächst nur Adams und unsere Familie zusammen mit zwei Mitgliedern der Community hinfahren würden. Es war geplant, dass diese beiden dann zurückfahren und zwei Tage später mit 12 weiteren Mitgliedern aus der Community nachkommen würden. Nelio und Liam waren Feuer und Flamme, denn sie hatten bereits vor Tagen damit begonnen, gemeinsam mit vielen Kindern selbst Papierperlen zu basteln und daraus schöne Ketten aufzufädeln, die sie dort dann verkaufen wollten.

Wir packten alles zusammen und stopften reichlich Decken, Schlafsäcke, Zelte, Werkzeug, Masken und allerhand Materialien in den Van, dann fuhren wir zu zehnt nach Puli. Kurz vor dem Ziel machten wir noch einen Essensstop und speisten außerordentlich lecker. Besonders die gebratenen Farnspitzen und der süß angemachte, mit Kopf und Füßen servierte Gockel waren die kulinarischen Highlights.


  
Als wir gegen 14 Uhr ankamen waren wir erst mal alle doch recht überrascht, denn das Festivalgelände war winzig klein und die Behausung sehr einfach und recht trashig. Phyllis und Li Hua war jedenfalls schnell anzumerken, dass sie sich nicht vorstellen konnten, mit der gesamten Gruppe hierher zu kommen und schon gar nicht über Nacht. Am liebsten hätten die beiden uns sofort alle wieder ins Auto gepackt und mit zurück genommen. Außerdem wurde uns allen klar, dass die Bühne viel zu klein war für unser Stelzentheaterstück und auch sonst kein ebener Platz zum Spielen vorhanden war. Nach einer längeren Beratung entschieden wir uns innerfamiliär trotzdem zu bleiben, auch wenn die anderen nicht nachkommen und wir dann alleine mit Adam und Linging zurückfahren müssten. Yuchen und TJ wollten ebenfalls nicht bleiben und fuhren zusammen mit Phyllis und Li Hua zurück.


Unsere Kinder waren jedoch ganz klar und entschieden: wir wollen hier bleiben und zusammen mit Cici ihre Armbänder und Ketten verkaufen, Workshop geben und auftreten! Na also, wenn das mal nicht ein schönes und entschiedenes Statement war!


  
Sie hatten im Hand Umdrehen alles aufgebaut und ihren Stand eingerichtet. Ich tat mich wesentlich schwerer, machte mir Sorgen, dass die Kinder aus dem recht hohen und vollkommen geländerfreien Haus stürzen oder an einem der vielen herumliegenden Stromkabel einen Schlag bekommen könnten. Sabine wies mich dann aber zurecht darauf hin, dass ich doch nicht die Kinder vorschieben soll, und so war ich am Ende auch sehr froh, dass wir uns zum Bleiben entschieden hatten.

Das Festival hatte jedenfalls seinen Charme und wir genossen es, noch mal eine ganz andere Szene zu treffen, über Kunst und das Leben zu philosophieren, endlich mal wieder ausgiebig Bier zu trinken und deutsche (!) independent Filme zu schauen! In unserer Community ist Alkohol nicht gerne gesehen und absolut nicht üblich, so dass wir meist nur auf unserem Zimmer ab und an ein Gläschen Whiskey trinken. Die deutschen Filme hatten wir zwei Filmemachern zu verdanken, die unabhängig und ebenso zufällig wie wir zu dem Festival kamen. Wir waren jedenfalls alle recht erstaunt, dass unter den 50 Teilnehmenden (inklusive den Veranstaltern) mit uns acht Deutsche waren und noch zwei weitere deutsch sprachen!


  
  
  
Rein künstlerisch war das Festival nicht unbedingt eine Offenbarung, dennoch war der Ort spannend und speziell und eröffnete uns nochmal einen ganz andren Blick auf Taiwans (jugendliche) Künstlerszene.




Unser Zelt und Nachtlager bauten wir hinter der Bühne, mitten im dicht bewachsenen Bambuswald auf. Dazu musste wir erst mal zwanzig armdicke Bambusstämme beiseite räumen und den Boden einigermaßen ebnen. Dann aber hatten wir einen wunderschönen Ort, der durch Jonahs Schaumstoffmatten und die dicken Decken sogar innen sehr gemütlich und geräumig war (zumindest im Gegensatz zu unserem winzigen Burning Man Zelt!). Die Verpflegung auf dem Festival war leider nicht ganz so geschmack- und liebevoll angerichtet, wie wir es die letzten Wochen erlebt hatten. Man bekam sein Essen meist auch zugeteilt und durfte nur bedingt nachnehmen, was besonders unsere Kinder nicht einsahen und sich erfolgreiche dagegen wehrten.

Unseren ersten Abend verbrachten wir mit unseren Freunden und zwischen verschiedenen Bands und Performances auf dem Boden von kleineren Holzplateaus, die wie Inseln auf dem Boden verteilt lagen. Am besten gefiel uns die Performance von Raphael, einem Deutschen, der auch gegen Kost und Logis engagiert war und sich um Ton und Licht auf dem Festival kümmerte. Seine improvisierte zehnminütige Hahn-Affen-Show hatte viel Witz und Charme. Als es dann zu kalt wurde und das Programm zu Ende schien, gingen wir in unser Zelt.


Als ich dann mitbekam, dass noch ein deutsch-sprachiger Film gezeigt werde, verließ ich noch mal das Zelt und schaute überrascht einen Film in dem unsere Freunde Ulla Rennecke und Susanne Häusler mitspielen. Wie klein die Welt wieder einmal erschien und wie schön es ist, wenn man auf diese Art an zu Hause und seine Freunde erinnert wird! Der Regisseur, Kai Seeking, war nach Taiwan gekommen, um seinen Bruder Tim endlich mal zu besuchen, der schon seit mehreren Jahren in Asien weilt.

Am nächsten Morgen begannen wir unseren Arbeits- und Präsentationsbereich zu bestimmen. Wir hatten unabhängig voneinander einen alten Anhänger entdeckt, der uns als gute Basis für unsere Show erschien. Wir schleppten ihn quer durch das Gebäude auf das Festivalgelände, verlängerten ihn mit einer Bambuskonstruktion und begannen, mit Fundstücken, die es reichlich auf dem Gelände gab, eine Art Bude, vorwiegend aus Gittern, Metallschrott und alten Stühlen, zu gestalten. Nelio und Liam bauten teilweise fleißig mit, wollten aber auch ihre Armbänder anpreisen und verkaufen, leidenschaftlich im Bach spielen und die nähere Umgebung erkunden. Tatsächlich hatten wir bis zum Abend Glück und es war schön warm und fast sommerlich. Erst mit Beginn der Dunkelheit setzte der Regen ein und verwandelte das kleine Tal in eine schlammige, glitschige Rutschpartie und so verbrachten wir notgedrungen den späteren Abend im Zelt und verpassten die Indoor Party.


  

Am dritten Tag fand dann unser Workshop statt und wir bauten und bemalten einfache Klapppuppen aus Pappe. Zwanzig Leute, meist StudentInnen, nahmen daran teil und wir kreierten vier kleine Shows, die alle an und um unseren zusammengebauten Kastenwagen herum aufgeführt wurden. Anschließend zeigten wir kurze Sequenzen aus Adams Repertoire, in denen Liam, Nelio und ich mit unseren selbst gebauten Masken verschiedene Tiere verkörperten.


  
  
Am Abend machten wir noch einen Familienspaziergang zum Family Mart, den unsere Kinder während der übrigen Trage bereits des öfteren gerne aufgesucht hatten, um unter anderem ihr verdientes Geld in Süßigkeiten, Chips und leckere Säfte einzutauschen. Sie hatten tatsächlich all ihre vielen Ketten und Armbänder verkauft und waren nun sehr stolz und reich. Zwar mussten sie zehn Prozent ihres Gewinnes an das Festival abgeben und hatten auch schon vorher selbst beschlossen, dass die Hälfte der Einnahmen an unsere Community gehen soll, doch war am Ende trotzdem noch ausreichend für jeden übrig geblieben.

Als wir vom Family Mart zurückkamen, versuchte einer der Festivalbesucher gerade einen fetten Hahn über einem winzigen Feuer für die gesammelten Besucher zu grillen, und dies genau vor unserer Installation. Ein hervorragender Ort für unsere Kinder, die sofort Marshmallows auftaten und ebenso über dem Feuer grillten. Den Abend beendeten drei Kurzfilme von Gerit Seydler, der sich zur Zeit Tango tanzend und Filme machend durch Asien bewegt.


Am kommenden Morgen packten wir und machten uns nach dem Frühstück auf den Weg zurück nach Sanyi, wo man uns schon erwartete, da es zum Abschluss des Neujahrsfest noch mal einen bunten Abend, u. a. mit unserem Farmer-Stelzentheaterstück geben sollte. Mit Bus und Bahn erreichten wir am Nachmittag unsere Community, wo wir wieder herzlichst empfangen wurden und gleich wieder proben sollten. Nach dem Essen und den Showeinlagen gab es dann ein kleines Feuerwerk und unsere Kinder waren total aus dem Häuschen: endlich mal mit Chinaböllern in China böllern! Nelio bekam auch prompt einen Böller ans Bein geschossen, beschloss aber nach ein paar Tränen, dass er trotzdem weiter böllern will.

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Den folgenden Tag nahmen wir uns dann wirklich frei, räumten aus, wuschen Wäsche und sortierten uns ein wenig. Wir fuhren mit Adam und seiner Familie mittags in die Stadt, um lecker Essen zu gehen. Hier entdeckten wir auch zum ersten Mal den Holzschnitzer Stadtteil in Sanyi und waren begeistert über die irren Holz- und Steinarbeiten. Nachmittags ging es dann mit dem Planen der kommenden Wochen weiter und zum ersten Mal fand unser Meeting in dem neu gebauten kleinen Werkstatthaus statt, wo wir bei Keksen und Tee die kommenden Wochen planten.