Auf dem Weg von Südost- nach Südwest-Indien

David
Geschrieben von David

Nach den vielen tollen Beschreibungen unserer Guesthouse Besitzerin Pravina entscheiden wir uns, doch über Land nach Cochin zu reisen, wo wir nach zwei Wochen Südost-Indien Sabine, Matthias, Marlene und Luisa treffen wollen. Wir leisten uns dann für den ersten Tag ein recht teures Taxi mit Fahrer, der uns mit mehreren Stopps den ganzen Tag begleiten sollte. Pravina hatte ihn instruiert, wo wir hin wollen und so geht es gleich morgens um 8 Uhr von Auroville aus los. Unsere erste Station sind die Mangrovensümpfe von Pichavaram, wo wir eine einstündige Ruderboottour machen und uns gegen ein kleines weiteres Trinkgeld durch die kleinen Kanäle schippern lassen. Nelio und Liam rudern abwechselnd mit unserem Guide und wir trinken eine frische Kokosnuss, die von einem Boot aus angeboten wird. 


Anschließend fahren wir ins nahe gelegene Chidambaran, wo wir den Shiva gewidmeten Thillai Nataraja Tempel besuchen. Wir haben Glück, denn trotz der Mittagszeit er ist noch geöffnet und es wird gerade eine Feuerzeremonie eine sogenannte Puja vorbereitet, der wir teilweise beiwohnen können. Vor einem Bildnis der Gottheit Shiva versammeln sich die Gläubigen, um einen Blick darauf zu erhaschen. Dazu werden Kampferlichter geschwenkt und verschiedene Glocken geläutet. Die Tempelanlage ist sehr groß und die teilweise aus dem 7. und 8. Jahrhundert stammenden Gebäudeteile bunt bemalt. Wir leisten uns einen lokalen Führer, der uns über das Gelände führt und erfahren erstmals Näheres zum Shiva-Kult, Shivas verworrener Familiengeschichte, seinen Zahlenmythologien und hinduistischen Ritualen.


Anschließend gehen wir mit unserem Fahrer in einem nahegelegenen Hotel essen und machen uns dann auf den Weg an die Küste zu einer ehemaligen dänischen Festung. Der Ort ist schwierig zu erreichen, denn die Straße dorthin recht klein und der Verkehr sehr dicht. Das alte dänische Fort liegt sehr schön direkt am Meer und wird zur Zeit gerade renoviert. Auch hier hat der Tsunami von 2004 große Schäden hinterlassen und ist seitdem nur teilweise wieder zugänglich gemacht worden. Leider gibt es kaum touristische Infrastruktur und wir können außer einen Blick in das sehr runtergekommene Museum nicht einmal etwas zu trinken bekommen, zur Toilette gehen oder uns irgendwo im Schatten ausruhen. Dementsprechend schlecht gelaunt sind unsere Kinder und wir können sie nur mit Mühe zu einem kleinen Strandgang überzeugen.


So fahren wir auch schon bald weiter und kaufen an der Straße Wasser, das wir dann während der halsbrecherischen Fahrt zu uns nehmen. Unser Fahrer scheint immer mehr unter Zeitdruck zu kommen, fährt sehr schnell und macht in unseren Augen sehr riskante Überholmanöver. Vielleicht sind wir noch nicht das indische Fahrverhalten gewöhnt, jedenfalls krallen wir uns immer mehr an den Griffen und Vordersitzen fest. Zumindest haben die Kinder und ich auf dem Beifahrersitz Sicherheitsgurte. Ob das bei einem Frontalzusammenstoß helfen würde ist allerdings fraglich: trotz Gegenverkehr und Kurven wird laut hupend überholt und wenn dann mal ein Bus oder Laster entgegenkommt, wird es manchmal sehr eng! Wir sind heilfroh als wir gegen 19 Uhr unser Tagesziel, die Stadt Thanjavur (ehemals Tanjore), erreichen und in unserem Hotel aussteigen. Dieses ist hauptsächlich von Indern besucht und an diesem Tag scheint eine große Veranstaltung dort zu sein. Beim Abendessen werden die Gäste in mehreren Durchgängen, in einer langen Reihe sitzend und sehr schnell „bespeist“. Während wir essen werden gleich dreimal neue Gruppen bedient, alles schmutzige Geschirr wieder eingesammelt und neu aufgetischt. Das Menü ist typisch südindisch mit Daal, Reis, Chapatis und leckeren Gemüsecurrys.


Am nächsten Tag fahren wir mit einer Moped-Rikscha, die hier Auto genannt wird, zum nahegelegenen Brihadishvara-Tempel, der uns sehr beeindruckt. Auch dieser ist Shiva gewidmet, aber im Gegensatz zum gestrigen Thillai Nataraja Tempel nicht bunt bemalt, sondern ungewöhnlicherweise komplett in Sandstein. Normalerweise werden indische Tempel regelmäßig neu bemalt, dieser aber gehört zum Unesco Weltkulturerbe und steht unter Denkmalschutz. Die gesamte Anlage ist wie ein liegender Mensch aufgebaut und durch das hohe Eingangsportal, das die Füße symbolisiert kommen wir langsam dem Kopf und spirituellem Zentrum der Anlage näher. Der über 60 Meter hohe Tempelturm überragt alles und thront imponierend über der gesamten Anlage. Er ist in einer irrsinnig aufwendigen Bauweise aus riesigen einzelnen Steinblöcken zusammengebaut worden, die wahrscheinlich mit hunderten von Arbeitselefanten aus einem mehrere Kilometer entfernten Steinbruch hierher gezogen wurden. Dafür wurde ein riesiger Tempelberg aus Sand errichtet und die Steine heraufgezogen. Anschließend wurde der Berg wieder abgegraben und es blieb am Ende der monumentale und reich verzierte Tempelturm stehen.


Wir haben einen tollen Führer, der sich sehr gut auskennt, gut englisch spricht und viele interessante Geschichten zu erzählen weiß. So erfahren wir viel über den Tempel, die Rituale und die Historie, aber auch allgemein mehr über Körperbemalung, hinduistische Rituale und indische Bräuche.



Zum Mittag laufen wir in ein in der Nähe liegendes von TripAdvisor empfohlenes Restaurant, das sehr versteckt im ersten Stock eines Gebäudes liegt. Das Essen wird auf Bananenblättern serviert und immer wieder werden unsere kleinen Edelstahl Schüsselchen nachgefüllt. Wir sind begeistert und die Kinder lieben das leckere Brot und das Essen mit den Fingern von den Bananenblatt-Tellern.


Nachmittags fahren wir zu einer weiteren Sehenswürdigkeit der Stadt, die alte Palastanlage, die sich auf mehrere größere Komplexe verteilt. Im Gegensatz zum Brihadishvara-Tempel gibt es hier zwar verschiedene Bereiche, die man nur mit Eintrittskarten betreten kann, doch der Zustand der Anlage ist doch recht bescheiden. Vieles ist am Zerfallen und teilweise mit Graffiti und Scraffiti übersät. Das Museum ist echt lustig und zwischen Ziegen und Abfallbergen verstecken sich Vitrinen mit allem möglichen Zeug, wie z.B. eine Geldscheinsammlung zeitgenössischer internationaler Währungen (Stand ca. 2005!), verschiedenen Anhänger auch aus deutschen Landen oder Vasen und andere Porzellanteile. Die Deckenmalereien im Inneren der Krönungshalle und die verschachtelten Kolonnaden sind beeindruckend und so wandeln wir über mehrere Stunden durch die verschiedenen Bereiche des Palastes. In einem Baum hängen hunderte von riesigen Flughunden und in einem Innenhof grasen gemütlich die Ziegen. In einem anderen Bereich erfahren wir viel über die musikalische Tradition der Stadt und es sind sehr alte und mit winzigen Inschriften versehene Palmblätter ausgestellt.



Auf der Suche nach einem Ort für eine kleine Pause, landen wir in einem klimatisierten Café, versuchen Geld zu wechseln und gehen in unseren Hotelpool zum Abkühlen. Auf dem Zimmer machen wir einen richtigen Familienabend und schauen uns Huckleberry Finn mit dem Beamer an und bestellen uns zum ersten Mal per Room-Service das Essen aufs Zimmer!

Nachdem wir am kommenden Morgen in Ruhe frühstücken, Schule machen und im Pool baden fahren wir mittags weiter per Taxi nach Madurai. Die Fahrt ist im Gegensatz zu unseren ersten Erfahrungen sehr entspannt und die Straßen sind gut ausgebaut.


In Madurai haben wir ein außerhalb der Stadt gelegenes sehr luxuriöses und geräumiges Hotel gebucht. Merkwürdig, wie in einer Raumkapsel in einem anderen Land! Wir duschen und fahren am Abend in die Stadt, wo wir in einem hervorragenden Restaurant landen. Es ist wahnsinnig voll, bekommen aber tatsächlich noch nebeneinander sitzend Platz auf einer Bank. Die mit uns am Tisch sitzende Familie hilft uns bei der Bestellung und wir sind absolut begeistert. Auch dieses Lokal ist vegetarisch und so was von lecker! Es gibt zu riesigen Tüten aufgedrehte Dosais, mit Spinat gefüllte Teigtaschen, leckersten Chai und scharfes Blumenkohlgemüse.


Am nächsten Tag erkunden wir die Stadt, eine der ältesten ganz Südasiens, beginnen im Gandhi-Museum, und machen etwas Nachhilfe bzw. Indian-History-School. Am Nachmittag dann gehen wir in die riesige Tempelanlage des Meenakshi-Tempels, dessen 12 Tempeltürme farbenprächtig von weitem zu sehen sind. Im Inneren des verwinkelten Tempelkomplexes befinden sich zahlreiche weitere Bauelemente, darunter Korridore, mehrere große Säulenhallen und ein Tempelteich. In den zahlreichen Hallen werden unterschiedliche Rituale durchgeführt. Mitten im Tempelinneren stolpern wir über eine riesige lebendige Kuh und einen ausgewachsenen Elefanten, von denen man sich gegen einen kleinen Obulus segnen lassen kann. Beeindruckt schlendern wir abwechselnd mit einem Kind durch die Gänge und schauen dem bunten Treiben zu. Anschließend wollen unsere Kinder wieder in das gleiche Restaurant und wir suchen zu Fuß unseren Weg. Es ist wieder so lecker wie am Vorabend und da es für indische Essensverhältnisse mit sieben Uhr sehr früh ist, bekommen wir diesmal auch einen eigenen Tisch und eine eigene Teezeremonie, in der der Chai mehrfach aus größerer Höhe hin und her geschüttet und damit umgerührt wird.



Dann holen wir unser Gepäck aus dem Hotel und lassen uns zum Busbahnhof fahren. Nach längerem Suchen finden wir den richtigen Standort und steigen in den mit richtigen Betten ausgestatteten Bus, der uns fast etwas zu schnell ans Ziel bringt. Gegen fünf werden wir schon geweckt und müssen hastig zusammenpacken, so dass Nelio sein geliebtes Fuchskissen im Bus vergisst.

Eine Stunde früher als angekündigt landen wir in Ernakulam, von wo aus wir mit einem Rikscha-Taxi die knapp 7 Kilometer zu unserem Homestay nach Fort Kochi fahren. Zum Glück schließt unser neuer Gastgeber auch schon um halb sechs seine Türen für uns auf (das war für allem für Sabine ein Glück, denn auf der Suche nach der Telefonnummer für den Homestay schaute sie statt auf den Boden in ihr IPad und fiel prompt in einen offenen Abwasserkanal!) und wir bekommen später sogar noch ein Frühstück. 

Dann warten wir auf unseren Indienbesuch, denn Sabine Matthais, Marlene und Luisa sollen noch am selben Morgen mit dem Flugzeug aus Berlin angereist kommen!