Bulgarien

Sabine
Geschrieben von Sabine

Sofia ist voller schöner alter Kirchen und unser Hotel Rila versprüht sozialistischen Charme. Alles liegt dicht beieinander und man kann gemütlich durch die Stadt spazieren.

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Dazu haben wir auch ausgiebig Zeit, denn unser Nachtbus aus Istanbul kommt morgens um sechs Uhr an, Einchecken können wir erst ab 14 Uhr. Das gibt uns viel Zeit, um im Café rumzuhängen und den Anschlag tags zuvor am Istanbuler Flughafen zu verdauen, uns bei allen zu melden, Bescheid zu geben, dass wir zum Glück nicht mehr dort sind und uns für den Bus entschieden hatten. Die Kinder sind mit zwei Meisen beschäftigt, die gerade das Fliegen lernen sollen und dies genau in der großen belebten Fußgängerzone. Schließlich retten wir eine kleine Meise und bringen sie in ein kleines Blumenbeet. Wir bestaunen die Relikte der sozialistischen Ära und wandeln fasziniert durch den ehemaligen Kulturpalast!

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Dank Globalisierung finden wir in der Altstadt Sofias überall H&M, Lidl und dm Märkte. Die bulgarische Küche ist deftig und lecker. Wir fühlen bereits, dass wir wieder mehr in Europa sind, wenn auch an einem seiner äußersten Wipfel!

Wir sind schon ganz hibbelig, denn auf dem Flughafenparkplatz steht unser alter Mercedes-Bus Hanibal, den Kerstin und Hans-Jörg dort vor zwei Wochen abgestellt haben. Eigentlich waren wir um 17 Uhr am darauf folgenden Tag mit Hans-Jörg dort zur Übergabe verabredet, aber so lange halten wir es nicht mehr aus und fahren mittags schon hin. Wie eine Fata Morgana erscheint er uns und zugleich so vertraut, als ob ein bisschen Zuhause uns hier in Bulgarien abholt!

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Wir blechen 50€ für ein angeblich verlorenes Parkticket (was günstiger war als die Parkgebühren für zwei Wochen zu löhnen), dass wir jedoch versehentlich zusammen mit den Fahrzeugpapieren im Hotel vergessen hatten. Hanibal ächzt und grummelt etwas, aber spring schließlich an und auf geht’s, allerdings erstmal noch die Papiere im Hotel abholen!!

Wenn Istanbul Berlin glich, dann erinnert Bulgarien an Brandenburg!

Bulgarische Männer angeln mit freiem Oberkörper am Wegesrand in kleinen Flüssen, eine Frau fegt mit Warnweste und Hausschlappen bekleidet die Schienen. In den Restaurants werden üppige Portionen serviert, genau nach Grammzahl berechnet, Shapka Salat mit Hackfleischröllchen, dazu gibt es Rakia. Die Dörfer erinnern an das Berliner Umland, nur die kyrillischen Buchstaben lassen uns wissen, wir sind in Bulgarien! Manches wirkt vertraut und dennoch gibt es viel Neues zu entdecken, zum Beispiel frisch vom Baum gepflückte Maulbeeren!

Fast jedes Haus hat eine Bank vor der Tür, die Alten sitzen dort unter Weinreben mit Kopftuch und Käppi. Pferdefuhrwerke sind unterwegs, die Kutscher staunen genauso über uns, wie wir über sie.

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Es ist heiß und in Bulgarien erscheint uns das Leben geruhsam Wir fahren durch weite Wälder, Sonnenblumenfelder und über sanfte Hügel – Davids Heuschnupfen kehrt zurück. Bei der Fahrt sehen wir immer wieder wartende Frauen am Straßenrand. Warten die auf den Bus? Nee, wenn man auf den Bus wartet, nimmt man sich eher kein Stühlchen mit…

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Mit unserem ersten Stellplatz haben wir Glück: Ein großer Stausee und toller Blick. Vom Dach unseres Hanibals haben wir bei Café und keksen einen tollen Ausblick! Abends geht auch der letzte Angler und wir haben den See für uns, grillen Würstchen und mit Schafskäse gefüllte Paprika auf dem Lagerfeuer. Einsamkeit, Stille, Natur, Glühwürmchen und Sternenhimmel. Leider auch unglaublich viele Fliegen! Jetzt wissen wir endlich wozu die Fliegenklatsche in Hanibal hängt und rüsten beim nächsten Hornbach (auch den gibt’s hier!) gleich mit Fliegengitter nach und kaufen zum ersten Mal in unserem Leben solche eklig klebrigen Fliegenspiralen (an denen sich aber außer Liams Haaren nie was verfängt).

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Das Kloster in Trojan hat ein eindrucksvolles Steindach und in der Kapelle eine Ikone die angeblich Wunder vollbringen kann. Ehrfürchtige Pilger berühren die dritte silberne Hand der Marienfigur. Heute schlafen wir neben einem Maisfeld und picknicken auf dem Dach.

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Eine Dusche ist fällig, also steuern wir den Campingplatz bei Veliko Tarnovo an. Mit geliehenen Rädern machen wir einen Ausflug ins nächste Dorf. Wir essen zu Mittag in einem Fischrestaurant, gerade als wir gehen wollen kommt ein Bulgare auf dem Moped an, setzt sich zu uns, schmeißt ’ne Runde und zeigt uns seine Muskeln. Er ist 58 Jahre alt und ehemaliger Ringer der bulgarischen Nationalmannschaft (so unsere Interpretation seiner bulgarischen Ausführungen!).

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Zeitsprung gefühlt ins Jahr 1930: Wir klopfen an einem verschlafenen Kloster, die Hunde bellen, ein altes Weiblein in schwarzer Strickweste und dunkler Filzmütze öffnet uns die Tür zu einem verwunschenen Säulengang. In der Kapelle zünden wir dünne Kerzen an und im Hof pflücken wir Weinblätter, denn wir wollen endlich Çiğdems Rezept mit gefüllten Weinblättern ausprobieren.

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Auf dem Camping Latz bei Veliko Tarnovo herrscht weder eine andere Zeitzone. Am Pool läuft „Queen“ und die Bulgarinnen tragen blondierte Palmenfrisuren zu Neonbikinis, die Männer machen Bauchklatscher-Wettbewerbe, alle trinken Bier und haben Sonnenbrand (auch wir), aber: keiner glotzt in sein Handy! Die Nachrichten vermelden: Hitzewelle im Balkan!

Das Rentnerehepaar hinter uns ist seit 8 Jahren mit dem Camper unterwegs. Kann ich mir das vorstellen? Nein, vor allem kein Leben auf Campingplätzen! Ein deutschsprachiges Mädchen sagt am Telefon zu ihrer Freundin: „Naja, ist halt nicht Spanien, aber hier ist es trotzdem auch schön!“

Morgen müssen wir zum Autoschrauber, Hanibal springt schlecht an und spuckt dabei auch noch rußig schwarze Wolken aus. Das macht sich gar nicht gut auf dem Campingplatz, aber auch nicht an einem einsamen Stellplatz im Wald, denn wie erklären wir dem ADAC wo wir gerade sind?

In Veliko Tarnovo besuchen wir vor unserer Abfahrt noch die hübsche Altstadt und besteigen am Ende die Burgruine. Der Parkschein an unserem Auto läuft ab, deshalb geht David schnell zurück und parkt um. Um nicht den langen Weg zum Burgeingang zurücklaufen zu müssen nimmt er eine Abkürzung und steht dann aber vor verschlossenem Tor. Kurzerhand klettert er einfach die Burgmauer hinauf, um zu uns zu stoßen! Nelio und Liam sind von der Burgruine begeistert und erkunden jeden Winkel.

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Eine Werkstatt finden wir nicht so schnell, werden von einer zur anderen geschickt und landen schließlich in der Mercedes-Werkstatt in der bulgarischen Grenzstadt Ruse. Ein Mechaniker meinte, um die Probleme genau diagnostizieren zu können, soll das Auto morgens vor der Werkstatt zum ersten Mal gestartet werden. Das bedeutet für uns logischerweise eine Nacht auf dem Parkplatz der Mercedes-Werkstatt zu verbringen. Der Nachwächter hat nach einigem hin und her auch ein Einsehen und lässt uns bleiben.

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Der nächste Tag zieht sich hin… Hanibal wird gleich von den Mechanikern unter die Lupe genommen, angeblich sollen poröse Benzinschläuche die Ursache sein. Als diese ausgewechselt sind, nehmen sie doch noch unseren Hinweis ernst und nehmen das Ventilspiel unter die Lupe. Das bereitet uns schon seit einigen Jahren immer wieder Probleme. Der Tag zieht sich hin, die Warterei scheint endlos, gegen 15 Uhr rollen wir endlich trotzdem glücklich und leise surrenden Motors vom Hof.

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Um ganz sicher zu sein, das das Problem auch wirklich behoben ist bleiben wir noch eine Nacht in Ruse und finden einen Schlafplatz, mit viel Industriecharme, direkt an der Donau. Über alte Gleise klettern wir auf einen hohen Damm direkt zum Fluss. Leider ist der Platz dann doch nicht ganz so einsam wie er erst schien, etliche Jugendliche treffen sich hier zum Sonnenuntergang und Paare für einen Abendspaziergang, Liam entdeckt ein mit dubiosen Pillen gefülltes Überraschungsei hinter dem Auto und David gebrauchte Spritzen… aber mit der Nacht kehrt Ruhe ein und wir schlafen erstaunlich gut.

Am nächsten Morgen springt Hanibal problemlos an! Bevor wir die Grenze nach Rumänien überqueren müssen wir natürlich noch Ruse erkunden. Das Städtchen wird auch als Klein-Wien bezeichnet und versprüht noch echten Entdeckercharme. Die pastellfarbenen Häuser sind reich dekoriert und mit sozialistischer Patina überzogen, die Fußgängerzone leicht ostig, es gibt viel Leerstand, aber erste coole Cafés werden eröffnet und man ahnt das Potential, das noch in dieser Stadt steckt.

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Da es sehr heiß ist müssen unsere Kinder zum Erstaunen der umstehenden Bulgaren erstmal eine öffentliches Springbrunnenbad nehmen. Dann patschen wir mit unseren durchnässten aber glücklichen Kides zurück durch die schöne Stadt zu unserem Hanibal. Würde ich einen Film über die DDR in der Nachwendezeit drehen, würde ich das hier tun!

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Etwas wehmütig fahren wir langsam über die Freundschaftsbrücke weiter nach Rumänien.

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