Taiwan … von Masken, Stelzen und Schnee

Sabine
Geschrieben von Sabine

In der ersten Woche hängten wir uns ziemlich rein und arbeiteten mit Adam zusammen an unseren Maskenworkshops. Nach einer Woche hatten wir tatsächlich 18 Masken mehr oder weniger fertig und David hatte mit allen Kindern einen Akrobatikworkshop durchgeführt.




Jerry kündigte an, dass am Samstag gefeiert wird, wir Gäste einladen und alle hier in der Community etwas vorführen. Wir waren zunächst etwas unsicher, ob wir schon etwas Vorzeigbares aufweisen können, aber Adam bastelte wie verrückt und schließlich hatte die Community auch schon mehrere Einlagen in petto. Gestartet wurde mit einem Aborigine Tanz in traditionellen Kostümen, zu dem schließlich alle Besucher eingeladen wurden mitzutanzen. In Taiwan gibt es noch etliche „Ureinwohner“, die schon bevor die Chinesen kamen hier ansässig waren. Einige leben auch hier mit uns in der Kommune. Salong, Jerrys Frau, ist eine von ihnen und kann wahnsinnig gut singen und choreografiert die Tänze. Sie hat auch die meisten Kommune-Lieder komponiert. Einige davon wurden dargeboten, aber auch moderner Dancefloor Pop, zu dem vor allem die Teenager ziemlich cool abhotteten. Nach jedem Tanz wurden Leute aus dem Publikum auf die Bühne geholt und  aufgefordert, mitzutanzen. David bot eine herrliche Rumhampel- Slap- Stick Show beim Nachtanzen, die großes Gelächter bei den Kindern auslöste und schließlich seine Vortänzerin Inchi, die vor ihm tanzte, ganz verunsicherte.



Adam begeisterte mit dem Märchen vom Bauern, der seine Rübe nicht aus dem Feld gezogen bekommt, auf chinesisch und  im Duo mit Lingling bei einem Mariachi Song.

Die Kommune hatte  als Theaterstück ein arabisches Märchen bearbeitet, und zu guter letzt gab es von der Englischlehrerin ein paar englische Rätsel. Ihr Mann zückte daraufhin eine Tasche mit roten Papieren und malte glücksbringende Neujahrskalligrafien. Wir bekamen eine mit Widmung geschenkt : „Schätzt euer Glück!“ Machen wir!

Alles in allem also ein sehr vergnüglicher und lustiger Abend.




Adam und Lingling mussten in der folgenden Woche zurück nach Taipei, um einen Freund aus Amerika in Empfang zu nehmen. Uns wurde dann schon angekündigt: wenn Adam weg ist, machen wir ein paar Ausflüge!

Und so fuhren wir mit Vanessa und ihrem Mann Thomas (der den englischen Namen Thomas auf dieser Fahrt erhielt, weil sein chinesischer Name für uns unaussprechbar und unmerkbar war!) nach Taichung, der drittgrößten Stadt Taiwans, die gar nicht weit entfernt liegt.

Ziel war das riesige Naturkundemuseum, das so groß war, dass wir nur einen Bruchteil zu sehen bekamen. Ich fand besonders die gerade eröffnete Ausstellung „Nam Nam Taiwan“ interessant. „Nam Nam“ entspricht ungefähr unserem Schmatzgeräusch und es ging natürlich ums Essen!


Danach waren alle so hungrig, dass wir sofort essen gehen mussten und natürlich durften wir uns in Taichung, der Stadt in der Bubble Tea erfunden wurde, auch einen solchen nicht entgehen lassen. Nelio und Liam sind sowieso verrückt nach Bubble Tea und suchen bei jedem Besuch in einer Stadt den nächsten Bubble Tea Shop.

Bubble Tea hat hier nichts mit diesen klebrig süßen, bunt eingefärbten, künstlichen und geschmacksverstärkten Getränken, die es in manchen Berliner U-Bahnhöfen zu kaufen gib, zu tun. Der Tee wird meist frisch gekocht, ist entweder schwarzer , Grün- oder Oolongtee und wird mit Milch und Tapiokaperlen, den Bubbles, getrunken. Vor vier Jahren lernten wir Bubble Tee unter dem Namen Froschtee kennen, da die Tapiokaperlen an überdimensionalen Froschlaich erinnern.

Anscheinend auch sehr beliebt ist der 24 hour Bookshop in Taichung, der für uns eher so aussah, wie die Buchabteilung im KaDeWe, nur, dass wir natürlich kein Buch lesen konnten!

Vanessa wollte uns unbedingt das neue Theater, von einem renommierten japanischen Architektenteam gebaut, zeigen und musste dann davor feststellen, dass es wegen Bauarbeiten immer noch geschlossen war, obwohl die Eröffnung bereits vor zwei Jahren gefeiert wurde! Das erinnerte uns doch sehr an den Berliner Flughafen und die Hamburger Elbphilharmonie und zu Vanessas Erstaunen erzählten wir davon. In Taiwan gilt Deutschland natürlich immer noch als ein Land, in dem alles klappt und aus dem teure, aber sehr gute Produkte kommen!


Nach dem Theaterflop brachten wir das Museum für Moderne Kunst ins Gespräch, das eines der besten in Taiwan sein soll und  verbrachten dort dann den Rest des Tages. Vor dem Museum erregten qietschbunte, poppig bemalte Tiere unsere Aufmerksamkeit. Der taiwanische Künstler hatte alle möglichen alten und neuen chinesischen Symbole sehr humorvoll zu aufwendig überlagerten Mustern komponiert. Im Museum gab es eine spannende Mischung ganz alter taiwanischer Malerei, aber auch aktuelle Positionen waren zu sehen.

Uns hat besonders der riesige Kinderbereich beeindruckt, in dem Kinder bauen, basteln und spielen konnten (und wir auch!)



Am nächsten Tag ging es mit Jerrys Familie und seinen vier Kindern, die die schönen Namen Mu Young, Mu Ti, Mu Tong und Mu Dja tragen (Mu heißt Schaf! Die vielen Namen hier zu lernen ist eine echte Herausforderung für uns, und wir sind sehr dankbar, dass manche sich extra für uns oder wegen ihrer Hongkonger Herkunft englische Namen zugelegt haben. Das erleichtert es sehr!). Da die Mutter der Familie Salong Aborigine ist, lag ihr besonders ein Museum zu den Ureinwohnern Taiwans am Herzen. Wir fuhren durch nebelverhangene Täler, vorbei an unzähligen Erdbeerfeldern. Erdbeeren haben hier im Januar Hochsaison, im Sommer ist es zu heiß! Leider war es sehr verregnet, und so haben wir auf das Selberpflücken verzichtet.

Das eigentliche Ziel waren aber die Hot Springs, die sehr an unsere Besuche in den japanischen Onsen erinnerten. Hier hatte jede Familie einen eigenen Baderaum mit einem heißen und einem kalten Becken, das man selbst einlassen konnte.

Der Abschluss dieses Ausfluges führte uns zur Erdbeerplaza, ein Platz an dem es alles mit Erdbeeren drin und drauf zu kaufen gab, vom Erdbeereis zur Erdbeerpizza, bis zum süßen Erdbeerwürstchen. Ich bin mir nicht sicher, ob da wirklich Erdbeeren drin waren, denn in Taiwan schmecken alle Würstchen süß, aber am Stand prangte groß die Aufschrift Strawberry Sausage! Wir schlugen uns den Bauch mit eisigem Erdbeereis  voll und mussten uns im Anschluss sofort mit einem heißen süßen Würstchen, zu dem eine frische Knoblauchzehe gegessen wurde, aufwärmen!




Zum Wochenende herrschte große Aufregung hier in der Kommune. Am Freitagabend sollten 22 Einradfahrer hier eintreffen, die auf einer Tour durch ganz Taiwan waren und hier übernachten wollten. Jack, einer „unserer“ Teenager sollte sie für zwei Wochen begleiten.

Für den Tag darauf war eine große Fahrradtour geplant, die ganze Community wollte die Einradfahrer und Jack an seinem ersten Tag begleiten. Dafür wurde auch eifrig trainiert und auch wir dachten, dass uns und unseren Kindern eine kleine Trainingseinheit nicht schaden würde. So machten wir uns tags zuvor auf, mit Mountainbikes ausgerüstet, und wollten mit Nelio und Liam Gänge schalten üben. Es wurde eine ziemlich krasse Bergtour und wir übten vor allem Bremsen, und wie man vom Berg wieder runterkommt! Weit kamen wir dabei nicht, entdeckten aber einen beeindruckenden riesigen Tempel gleich hinter unserem Berg!

Als wir nach Hause kamen wurde es schon dunkel und fing an zu nieseln, die Temperaturen gingen immer weiter nach unten. Wir machten uns ein wenig Sorgen wegen der morgigen Radtour, doch die Taiwaner blieben unbeirrt.




Die ganze Nacht über hörte ich es schon regnen und konnte kaum schlafen, denn mein Magen grummelte bedenklich. Morgens war mir klar, dass auch ich mir jetzt den Magendarmvirus eingefangen hatte, den Nelio, Liam und Lingling bereits gehabt hatten. Für mich bedeutete es, dass ich heute auf kein Rad steigen würde und damit hatte ich wohl Glück!

David berichtete später völlig durchgefroren, dass es die krasseste Radtour war, die er jemals gemacht hatte: bei eisigem Regen durch Autobahnbrücken, mit Gegenwind und endlosen Steigungen. Liam hielt immerhin die ersten zehn Kilometer durch, nach fünf weiteren gab auch Nelio auf und David sah ohne seine Kinder auch keinen Grund mehr, sich weiter abzuplagen und sie wechselten ins Begleitfahrzeug.




Ein Magendarmvirus ist zwar auch nicht schön, doch dann lieber krank im Bett als so etwas! Nachmittags kam ich in den Genuss von Salongs alternativen Heilkünsten. Sie behandelt alle hier in der Kommune mit Aromaöltherapien. Ich hatte dies schon sehr interessiert mitverfolgt, als sie Nelio und Liam behandelte. Verschiedene ätherische Öle werden in einer bestimmten Abfolge direkt auf Rücken und Fußsohlen einmassiert. Das duftet wahnsinnig gut und wie auch immer, ob es viel Schlaf war oder die Ölmassage, jedenfalls ging es mir gegen Abend wieder besser!

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, während diesem Jahr der Kälte zu entfliehen, aber das sollte hier in Taiwan wohl nichts werden. Am Tag der Radtour wurde es schon empfindlich kalt und am nächsten Tag schneite es! Alle waren völlig aus dem Häuschen, anscheinend gab es hier im Tal noch nie Schnee und die Kinder flippten bei jeder Schneeflocke aus! Die gesamte Community stieg in die Autos und wir machten einen Ausflug in den Schnee! Immer den Berg hoch und nach einer Weile kamen uns immer wieder Autos mit kleinen Schneemännern auf der Windschutzscheibe entgegen. Oben herrschte das totale Verkehrschaos! Gemeinsam stapften wir los, manche hatten große Töpfe dabei oder sammelten Schnee in aufgespannten Regenschirmen. Mich beeindruckte vor allem der eingeschneite tropische Wald.




Der Schneeausflug war lustig, aber Temperaturen um Null Grad finde ich in unisolierten Häusern auf Dauer einfach zu krass. Obwohl es hier die Bolleröfen  gibt, reichen diese irgendwann nicht mehr aus. Die Temperatur in unserer Werkstatt betrug den ganzen Tag vier Grad! Ich war sehr glücklich, am nächsten Tag bei ein paar Grad mehr die Sonne wieder zu sehen!

Mittlerweile rast die Zeit und unser erster großer Auftritt nähert sich in großen Schritten. Nächstes Wochenende veranstaltet die Dream Community eine ihrer Paraden in Chaozhou im Süden Taiwans. Als wir davon erfuhren, verkündeten wir spontan, dass wir gerne mitmachen wollen. Nach einiger Zeit hier in der Kommune wurde uns klar, dass wir natürlich am liebsten mit unserer ganzen neuen Großfamilie dort auftreten würden.

Wir machten eine kurze Einführung zum Thema Karneval der Kulturen oder Celebration Parades, wie es im Amerikanischen heißt. Dann wurden in Windeseile Masken fertiggestellt und angefangen, Kostüme zu basteln. Zum Glück gibt es hier einen Recyclingbereich, dort fischten wir tütenweise Altkleider zusammen und ich wagte mich zum ersten Mal in Sabines (Hilscher) Fußstapfen als Kostümbildnerin!





Nachdem David die Kinder auf den Einrädern gesehen hatte, kam ihm die Idee, dass sie bestimmt genauso gut und talentiert auf Stelzen unterwegs sein würden. Gemeinsam mit Ying Chin aus der Kommune entwickelte er ein Stelzenmodell, das gerade in Serie gebaut wird! Auf das erste Paar stürzten sich Nelio und Liam. Nach kürzester Zeit hatten die beiden den Dreh raus und sind jetzt gar nicht mehr von den Stelzen runterzukriegen. Vor allem Liam hat wahnsinnig viel Ausdauer und war am zweiten Tag gleich drei Stunden auf Stelzen. Er hat sich natürlich in den Kopf gesetzt, die gesamte Parade auf Stelzen zu laufen! Edgar, ein Kommunekind, war der nächste. Dieser spielte am ersten Tag gleich Badminton auf Stelzen und nun sind alle im Stelzenfieber – es gibt schon Tränen, wer als nächstes drauf darf!




Die nächsten Tage müssen wir jetzt all unsere Komponenten, Stelzen, Masken, Kostüme, Einräder, Trommeln, ein kleines Handwägelchen, das unter Davids Händen gerade zu einer Arche heranwächst, Tanzchoreografien (die vor allem wir vier null beherrschen) und chinesische Eigenkompositionen zu einem paradentauglichen Ganzen zusammenschmieden!